Pantaleon war der Sohn eines heidnischen
Senators. Er ging in die Schule eines weisen Arztes.
Hermelins, ein heiliger Mann, ermahnte ihn, er solle
sich taufen lassen. Als der Heilige einmal auf ein Kind
traf, das von einer Natter getötet worden war,
bat er im Namen Jesu um die Heilung. Es wurde sofort
geheilt. Da ging Pantaleon mit dem Kind zu Hermelins
und ließ sich taufen. Er wollte auch seinen Vater
zu Christus bekehren. Der aber wollte nicht. Einmal
begegnete er mit seinem Vater einem blinden Mann.
Als Pantaleon ihn heilte, ließ
sich nicht nur der Blinde taufen, sondern auch sein
Vater, der von dieser Heilung sehr beeindruckt war.
Man verklagte Pantaleon beim Kaiser, dass er Christ
sei. Vor den Augen des Kaisers heilte er einen siechen
Mann. Da drängten die ändern Arzte den Kaiser
dazu, Pantaleon unschädlich zu machen. Der Kaiser
ließ glühendes Blech bringen und den heiligen
Arzt damit brennen. Er warf ihn in den Kerker und verbot,
ihm zu essen und zu trinken zu geben. Doch Christus
selbst pflegte seinen Diener und heilte seine Wunden,
so dass er frisch und gesund erschien. Der Kaiser ließ
ihn ins Wasser werfen, aber die Wellen trugen ihn ans
Land. Er sperrte ihn in einen Garten voller wilder Tiere.
Aber sie verkehrten friedlich mit ihm. Schließlich
band man ihn an einen Ölbaum und schlug ihn so
lange mit Domen, bis das Blut von ihm rann. "Gott
aber ehrte seinen Heiligen mit einem schönen Zeichen.
Wo sein Blut hinging, da ward nämlich alles grün
und schön und der dürre Baum tat blühen
und trug süße Frucht. Und überall wo
sein Blut hinkam, ward alles voller Rosen, Lilien und
Veilchen. Als die Menschen dies sahen, ließ sich
wiederum viel Volk taufen." (Melchers 463) Ein
Ritter band Pantaleons Hände über seinem Kopffest
und schlug ihm einen großen Nagel durch die Hände
in sein Haupt. Pantaleon betete zu Gott und empfahl
seinen Geist in Gottes Hände.
Pantaleon zeigt uns, dass Gott selbst
der Arzt für unsere Wunden ist. Die Menschen können
uns noch so sehr verletzen. Sie können uns letztlich
nicht schaden. Alle Martern, die sie sich ausdenken,
bewirken das Gegenteil, wenn wir wie Pantaleon unser
Vertrauen auf Gott setzen. Weder das Wasser, noch das
Feuer, weder wilde Tiere noch die Domen des Domstrauchs
können uns wirklich verletzen. Wenn wir in Christus
unsern Grund haben, dann schwemmt uns das Unbewusste
nicht weg. Die Leidenschaften und die Triebe, die im
Feuer und in den wilden Tieren dargestellt sind, können
uns nicht zerreißen. Die Verehrung des hl. Pantaleon
bestätigt die Wahrheit des Satzes, den der hl.
Johannes Chrysostomus in einer Rede aufgestellt hat:
"Niemand kann dich verletzen, wenn du es nicht
selbst tust." Die Menschen mögen uns noch
so verletzen wollen, sie können uns nicht schaden,
wenn wir uns nicht selbst verletzen. Das Vertrauen auf
Gott befreit uns von der Macht der Menschen und schützt
uns gegenüber den Verletzungen, die sie uns aus
Hass oder Eifersucht oder sonstigen Motiven zufügen
möchten. Das zeigt die Legende im Bild der Domen,
mit denen die Menschen Pantaleon zerkratzen. Auch wenn
die Domen uns noch so tief verwunden, so können
unsere Wunden doch zu Quellen des Lebens werden. Das
wird in dem schönen Bild ausgedrückt, dass
das Blut des Heiligen überall grünendes und
blühendes Leben hervorruft und Rosen, Lilien und
Veilchen wachsen lässt. Der Ölbaum ist Bild
für die heilende Kraft des Glaubens. Mit Öl
heilte man ja in der Antike die Wunden. Die Blumen sind
Ausdruck der Freude, die uns niemand nehmen kann. Und
sie sind Zeichen für den überwundenen Winter.
Dort, wo wir an Christus glauben, schmilzt das Eis unserer
kalten Herzen und das Leben Gottes blüht auf. Die
Rose weist hin auf die Ganzheit des Menschen, die Lilie
ist Bild für Unschuld und Reinheit und Symbol für
die Gnade Gottes, die gerade durch unsere Wunden erfahrbar
wird.
Das Veilchen ist Symbol der Demut.
Unsere Wunden weisen uns hin auf die eigene Wirklichkeit,
auf unsere Erdhaftigkeit (humilitas).
Wenn wir uns mit unsern Wunden aussöhnen,
werden sie zu einer Quelle fruchtbaren Lebens für
uns selbst und für die Menschen um uns herum, die
sich an den Blumen erfreuen. So ist Pantaleon, der christliche
Arzt, Bild für Gott als den wahren Arzt unseres
Leibes und unserer Seele geworden. Gott wird die Wunden
heilen, die andere uns zufügen. Gott wird unsere
Wunden verwandeln, dass das Herzblut, das aus unseren
Wunden strömt, um uns alles grünen und blühen
lässt.
So wird in Pantaleon das Wesen christlicher
Therapie sichtbar. Wir haben keine Garantie, dass der
Glaube uns davor schützt, verwundet zu werden.
Pantaleon ist schwer verwundet worden. Aber er durfte
erfahren, dass Gott manche Wunden vollständig heilt,
so dass er genauso gesund und lebendig wurde wie zuvor.
Aber irgendwann wird uns das Leben auch an den Ölbaum
binden, von dem wir nicht mehr loskommen. Und irgendwer
wird uns eine tödliche Wunde zufügen. Irgendwann
werden wir an einer Krankheit sterben. Aber wenn wir
dann wie Pantaleon an den Ölbaum der göttlichen
Liebe gebunden sind, wird auch die todbringende Krankheit
uns nicht erstarren lassen, sondern neues Leben in uns
und um uns hemm aufblühen lassen. Und wenn wir
ja sagen zu unserem Tod, dann wird gerade unser Tod
zum Segen werden und zum Samen für neues Leben.
Pantaleon wird dargestellt, wie er
seine Hände über dem Kopf hält und ein
Nagel durch die Hände in den Kopf geht. Pantaleon
ist festgenagelt. Er ist bewegungsunfähig. Es ist
eine grausame Todesart, die er erleidet. Aber auf den
Bildern ist er oft ganz friedlich dargestellt. Seine
Hände sind wie ein schützendes Dach über
dem Kopf. Andere können uns noch so festnageln.
Wenn wir uns innerlich aussöhnen
mit unserer Situation, so kann uns keine äußere
Festlegung einengen und schaden. Festgenagelt sind wir
zugleich frei. Und aus der Enge, so sagt uns die Legende,
wächst eine neue Weite und Fruchtbarkeit. Denn
das Blut, das aus der Wunde des Pantaleon fließt,
lässt ja überall neues Leben aufblühen.
Heute tun wir uns schwer, uns festzulegen. Wir möchten
uns lieber alle Türen offen halten. Aber dann bleibt
unser Leben unfruchtbar. Wir wollen immer und überall
sein und sind doch nirgends. Nirgends kann etwas wachsen.
Es braucht die stabilitas, das Standhalten, die Beständigkeit,
von der Benedikt schreibt, damit unser Leben Frucht
bringen kann, damit unser Baum zur Blüte kommen
kann.
Pantaleon wird bei Auszehrung und Viehseuchen
angerufen. Er ist zuständig für alle Krankheiten,
die durch Infektion ausgelöst werden und den Körper
oft auszehren. Bei Infektionen dringen feindliche Erreger
in den Leib ein und entzünden ihn an einer Stelle.
Dafür steht das glühende Blech, mit dem man
Pantaleon brannte, das ihm aber nichts anhaben konnte.
Infektionskrankheiten sind oft Ausdruck innerer Konflikte,
denen wir uns nicht stellen. Pantaleon hat sich den
Konflikten gestellt, die von außen auf ihn zukamen.
Er fühlte sich getragen von der Kraft Christi,
in der er sich den feindlichen Mächten entgegenstellen
konnte. .Die Feinde konnten ihn verletzen, aber sie
konnten ihn nicht überwinden. Das ist ein schönes
Bild für den Abwehrkampf, in den der Körper
bei Infektionen gerät. Wenn der Infekt nicht ausheilt,
dann gibt es eine Chronifizierung. "Die nicht bereinigte
Situation bildet einen Herd im Körper, an dem nun
ständig Energie gebunden ist, die dem Rest des
Organismus fehlt: Der Patient fühlt sich abgeschlagen,
müde, antriebslos, lustlos, apathisch." (Dethlefsen
139) Das ist das typische Bild für die Auszehrung,
bei der das Volk Pantaleon immer angerufen hat. Pantaleon
hat sich den Konflikten gestellt, bis zuletzt, als er
angenagelt wurde. Den Mut zu solchem Kampf hat er aus
seiner Verbindung mit Christus gewonnen. Pantaleon ist
für das Volk zum Bild des heilenden Gottes geworden,
der unserem Leib genügend Kraft gibt, sich gegen
feindliche Erreger zu wehren, und der so unsern Leib
vor Auszehrung bewahrt. Konflikte können aber nicht
nur den Leib auszehren, sondern genauso die Seele. Alles,
was uns auffrisst, was uns die Energie raubt, sollten
wir im Bild des hl. Pantaleon anschauen und uns in der
Kraft Christi entgegen stellen. Wir vermögen das
nur, wenn wir zugleich mit der inneren Quelle in Berührung
sind, die in uns sprudelt, mit der Quelle des göttlichen
Geistes, die nie versiegt. Sie bewahrt uns davor, ausgezehrt
und ausgebrannt zu werden. Denn aus ihr strömt
uns immer genügend Kraft zu, die wir für unsere
Arbeit und unser Leben brauchen.
Quelle: Anselm Grün
Die 14 Nothelfer als Bilder einer christlichen Therapie
VIER-TÜRME-VERLAG MÜNSTERSCHWARZACH
ISBN 3-87868-596-3 |